Generationen verstehen – Reibung produktiv nutzen

Takeaways & Key Learnings

  • Generationenkonflikte sind meist Missverständnisse statt echte Konflikte und können produktive Energie erzeugen.
  • Hinter Azubi-Verhalten stecken oft unerfüllte Bedürfnisse, nicht mangelnder Wille.
  • Augenhöhe gelingt durch Haltung, nicht durch Aufgabe von Erfahrung oder Autorität.
  • Größter Fehler: Gespräche werden nicht geführt – Schweigen verschärft Konflikte.

Interview mit Christoph Michalski

Wenn Ausbilder und Azubis aufeinandertreffen, taucht schnell das Stichwort Generationenkonflikt auf. Ist das wirklich ein Konflikt – oder eher ein Missverständnis? 

Beides, aber vor allem eine Chance, die wir leichtfertig verspielen. Der Begriff Konflikt klingt nach Kampf, aber ich sehe es eher als Reibung – und Reibung erzeugt Energie. Ausbilder bringen Jahrzehnte Praxiserfahrung mit, Azubis bringen frische Augen und andere Fragen. Das ist kein Defizit auf einer Seite, das ist ein Rohstoff. In meinem Buch „Streiten mit System“ schreibe ich, dass Konflikte keine Störungen sind, sondern Katalysatoren für kreative Lösungen. Für die Ausbildung gilt das ganz besonders. Die Generation Z hinterfragt, warum etwas so gemacht wird, wie es gemacht wird. Das nervt manche Ausbilder. Aber ehrlich gesagt ist das genau die Frage, die jedes Unternehmen stellen sollte. 

Trotzdem: Viele Ausbilder berichten, dass Azubis heute weniger Biss zeigen, weniger Belastbarkeit, weniger Respekt gegenüber Erfahrung. Wie reagieren Sie darauf? 

Ich greife mal in die Geschichte. Die Sumerer haben vor etwa 5000 Jahren auf Tontafeln festgehalten, dass die Jugend das Alter nicht mehr achte und keine Lernbereitschaft zeige. Aristoteles hat es ähnlich formuliert. Ein Mönch im Jahr 1274. Zeitungen im 19. Jahrhundert. Und heute lesen wir dasselbe wieder. Das bedeutet nicht, dass es keine echten Herausforderungen gibt – die gibt es. Aber es bedeutet, dass wir das Phänomen kennen und es trotzdem immer wieder als neu erleben. Was ich Ausbildern empfehle: Schauen Sie erst auf die Bedürfnisse hinter dem Verhalten, nicht auf das Verhalten selbst. Ein Azubi, der auf Pünktlichkeit pfeift, hat möglicherweise ein ungelöstes Problem mit Sinnlosigkeit oder mangelnder Wertschätzung. Wer das versteht, findet einen anderen Gesprächseinstieg als derjenige, der nur die Regeln wiederholt. 

Wie gelingt es Ausbildern, auf Augenhöhe zu kommunizieren, ohne ihre Autorität oder die Vermittlung von Erfahrung aufzugeben? 

Das ist die Kernfrage, und die Antwort klingt einfacher als sie ist: Man muss unterscheiden zwischen dem eigenen Standpunkt und der Haltung, mit der man ihn äußert. Erfahrung ist kein Machtmittel, sie ist ein Angebot. Wer sie von oben herab anbietet, verliert den Zuhörer sofort. Der erste Schritt ist immer, die Bedürfnisse beider Seiten anzuerkennen. Die Generation Z braucht das Gefühl, dass ihre Perspektive gehört wird – nicht unbedingt umgesetzt, aber gehört. Ausbilder brauchen das Gefühl, dass ihre Erfahrung respektiert wird – nicht unbedingt fraglos akzeptiert, aber respektiert. Wenn beide das spüren, entsteht ein Gespräch statt einem Duell. Im Gespräch lernen beide. Im Duell verlieren beide. 

Was ist der häufigste Fehler, den Sie in Gesprächen zwischen Ausbildern und Azubis beobachten? 

Dass das Gespräch gar nicht stattfindet. Entweder eskaliert es sofort oder es wird gar nicht erst geführt. Beides ist teuer. Schweigen ist keine Konfliktlösung, es ist Konfliktverwaltung. Unter der Oberfläche brodelt es weiter, das Gesprächsklima leidet, und irgendwann verlässt jemand das Unternehmen oder die Ausbildung – ohne dass je ausgesprochen wurde, was eigentlich das Problem war. Der zweite häufige Fehler ist ein schlechter Gesprächseinstieg. Dafür gibt es ein „Schweizer Taschenmesser“ der Kommunikation. Das stelle ich im Problem Fix Lab ausführlich vorstelle. 

Wer ein schwieriges Gespräch mit Vorwürfen beginnt, hat es schon verloren. Ein guter Einstieg benennt die Situation sachlich und signalisiert: Ich will hier gemeinsam etwas klären, nicht jemanden schuldig sprechen. 

Was nehmen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Ihrem Workshop Konflikt-Fix konkret mit nach Hause? 

Eine Struktur, die sofort anwendbar ist. Nicht Theorie, sondern ein System mit sechs klaren Schritten – von der Klärung der eigenen Bedürfnisse über das Formulieren eines zielführenden Gesprächseinstiegs bis hin zur Strukturierung konkreter nächster Schritte. Wir arbeiten mit typischen Situationen aus dem Ausbildungsalltag: Kritikgespräche, die eskalieren; Lob, das nicht ankommt; Erwartungen, die nie ausgesprochen wurden. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erleben im Lab, was kleine kommunikative Veränderungen auslösen können. Und sie merken: Das Gespräch mit dem Azubi, vor dem man sich seit Wochen drückt, muss gar nicht so schwer sein. Es braucht einen klaren Rahmen, eine ruhige Haltung – und den Mut, einfach anzufangen. 

Autor des Artikels: Christoph Michalski ist Streitexperte, Autor und Redner. Als der Konfliktnavigator begleitet er Menschen und Organisationen dabei, schwierige Situationen souverän zu meistern. Er verfügt über drei Berufsausbildungen als Musiker, Pädagoge und IT-Fachmann und verbindet methodische Präzision mit Humor und Leichtigkeit. Sein Buch Streiten mit System – Wie du lernst, Konflikte zu lieben ist 2025 bei BusinessVillage erschienen. In seiner Arbeit als Geschäftsführer eines Bildungsträgers mit über 700 Mitarbeitenden hat er Ausbildung nicht nur theoretisch durchdacht, sondern täglich gelebt.

Vortrag DALK 2026
11. November 2026, 14:30–15:15 Uhr
Konflikt-Fix
Schwierige Gespräche souverän führen: Kritik, Anerkennung und Erwartungen sicher ansprechen