Veränderung entsteht in der Regel außerhalb der Komfortzone oder da, wo die Not besonders groß ist. Dieser Aspekt gilt auch für das Thema „Ausbildung in Teilzeit“.
Manch eine*r denkt jetzt „Hä? Noch nie gehört!“. Und ist damit in guter Gesellschaft. Denn noch immer ist dieses Thema eins, das eher unter dem Radar stattfindet. Warum ist das so?
Am 30. September 2025 waren 40.000 Bewerberinnen und Bewerber unversorgt (9 Prozent) (Quelle: Bundesagentur für Arbeit, 2025). Das war ein Anstieg von 9.000 im Vergleich zum Vorjahr und gleichzeitig die höchste Zahl seit 2007.
Diese Entwicklung zeigt sich seit vielen Jahren:

Quelle: Eigene Darstellung nach https://www.bmbf.de/bmbf/de/bildung/berufliche-bildung/strategie-und-zusammenarbeit/der-berufsbildungsbericht/der-berufsbildungsbericht_node.html
Hauptgrund von Nicht-Besetzungen war laut Statista (2025) zuvorderst die Nicht-Eignung von Bewerbenden.

Betrachtet man darüber hinaus den Anteil der Ausbildungsplätze in TZ am Gesamtangebot, so machen diese seit Jahren nur einen winzigen Anteil aus: nämlich gerade mal 0,5 % im Mittel über alle Bundesländer hinweg (vgl. Berufsbildungsbericht, 2025).
Wir sehen also ein Paradoxon: Während die Zahl unbesetzter Ausbildungsplätze ebenso steigt wie die der erfolglos suchenden Bewerbenden, treffen unterschiedliche Erwartungen und Anforderungen aufeinander. Dahinter steckt weniger ein reines Mengenproblem als vielmehr eine Frage der Passung.
Unternehmen achten aufgrund anspruchsvoller und komplexer Berufsbilder verstärkt auf bestimmte Voraussetzungen für einen erfolgreichen Ausbildungsverlauf, während junge Menschen ihre berufliche Zukunft zunehmend mit klaren Erwartungen und individuellen Vorstellungen verbinden.
Um diese Lücke zu schließen, braucht es daher nicht nur mehr Ausbildungsplätze, sondern auch flexiblere Zugänge und ein besseres gegenseitiges Verständnis von Möglichkeiten und Anforderungen.
Ausbildung in Teilzeit bietet einen Weg aus diesem Dilemma. Doch worum geht es da eigentlich?
Ausbildung in Teilzeit (TZ) ist zunächst eine vollkommen gleichwertige Ausbildung wie jede andere in Vollzeit. Inhalt und Abschluss bleiben gleich, nur der zeitliche Rahmen wird flexibler gestaltet: die tägliche oder wöchentliche Ausbildungszeit wird reduziert wird, die Zeit insgesamt bleibt gleich, die Ausbildungsdauer also verlängert – bei gleichzeitig vollwertigem Berufsabschluss.
Man könnte sagen: Die Ausbildung wird nicht kleiner, sondern anders getaktet, z. B.
Ursprünglich wurde das häufig mit bestimmten Lebenssituationen verbunden, wie
Inzwischen steht Ausbildung in Teilzeit jedem Interessierten offen – sofern der Ausbildungsbetrieb dies anbietet. Teilzeit-Ausbildung ist grundsätzlich in allen anerkannten dualen Ausbildungsberufen möglich – es gibt also keinen „offiziellen Teilzeit-Katalog“. In der Praxis zeigen sich jedoch deutliche Unterschiede zwischen Branchen in Bereichen, die sich organisatorisch flexibler planen lassen oder ohnehin stark mit Vereinbarkeit und Fachkräftesicherung arbeiten, z.B. Gesundheit oder Gastronomie.
Für Auszubildende ergibt sich dadurch v.a. die Chance von:
Für Arbeitgebende bedeutet es v.a.:
Die Herausforderungen liegen für beide Seite v.a. in der Umsetzung, z.B. erfordert es:
Das besonders Gute an der Ausbildung in TZ ist, dass sie den Talente-Funnel erheblich erweitert. Menschen, die dem Ausbildungsmarkt bisher nur eingeschränkt zu Verfügung stehen, können gezielt angesprochen und gewonnen werden – und sie bleiben auch häufiger als Fürsprecher und Nachwuchskräfte verbunden, wenn die Ausbildung endet.
Das Modell von „Ausbildung in Teilzeit“ ist noch immer eher ein Geheimtipp, aber auch ein echter Beitrag zu einer diversitätsorientierten Recruiting-Strategie sowie eines besseren Arbeitgeber-Images. Er erfordert aber auch den Willen einer systematisierten und etwas komplexeren Umsetzung auf beiden Seiten. Gelingt dies, profizieren beide: Arbeitgeber und Arbeitnehmende.
Autor des Artikels: Vera Koltermann ist seit über 25 Jahren als strategische Markenberaterin tätig, seit 10 Jahren mit dem Schwerpunkt Employer Branding. Als Inhaberin von “Lucky you” analysiert sie Arbeitskulturen und unterstützt Unternehmen dabei, sich als Arbeitgeber glaubwürdig und attraktiv zu positionieren.
Vortrag DALK 2026
11.November 2026, 14:30–15:15 Uhr
Teilzeitausbildung möglich machen:
So wird aus ‚geht nicht‘ ein umsetzbarer Plan