Der wichtigste Punkt vorweg: Früher haben Betriebe ausgewählt, heute wählen die Jugendlichen. Diesen Perspektivwechsel muss man erstmal verinnerlichen. Und wenn man das getan hat, merkt man schnell: Den Unterschied macht nicht, wer am lautesten „Wir bieten ein tolles Betriebsklima“ ruft – das behauptet jeder. Den Unterschied macht, wer konkret wird. Jugendliche merken sehr genau, ob da echte, greifbare Informationen kommen oder nur Floskeln, die genauso gut über jeden anderen Betrieb stehen könnten. Konkret schlägt Floskel – das ist für mich der Kern.
Attraktiv ist ein Betrieb, bei dem sich Jugendliche vorstellen können, wie ihr Alltag dort tatsächlich aussieht – nicht die Hochglanzversion, sondern die ehrliche. Also: Was macht man dort konkret, wer sind die Kolleg:innen, was lernt man wirklich in den ersten Wochen. Das klingt banal, aber genau daran scheitert es in den meisten Stellenanzeigen und Auftritten. Attraktivität entsteht nicht durch mehr Superlative, sondern durch Klarheit und Wiedererkennbarkeit: „Ah, das ist ein Betrieb, der weiß, wer er ist.“
Weil man selbst zu nah dran ist. Wer jeden Tag im eigenen Betrieb steckt, hält vieles für selbstverständlich, was von außen betrachtet total besonders wäre – und übersieht es deshalb komplett bei der eigenen Ausbildungswerbung. Dazu kommt die Angst, jemanden auszuschließen, wenn man zu konkret wird. Also greift man lieber zu Begriffen, die niemandem wehtun – „abwechslungsreiche Aufgaben“, „familiäres Team“ – und die deshalb auch niemanden wirklich erreichen. Ich vergleiche das gern mit einem Regal voller gleicher Gläser: Erst das eine mit dem roten „WIR“-Etikett fällt auf. Genau das fehlt vielen Betrieben bei ihrer Ausbildung.
Enorm wichtig – und aus meiner Sicht der am meisten unterschätzte Hebel. Es geht ums Zielen statt Streuen. Ein Betrieb muss nicht für alle passen, und das ist auch gut so. Wer sich klarmacht, wer wirklich zur eigenen Ausbildung passt und wer eher nicht, kann viel gezielter ansprechen – und erspart sich hinterher böse Überraschungen. Denn ehrliches Erwartungsmanagement am Anfang ist die beste Versicherung gegen Fehlbesetzungen und Frühfluktuation. Lieber am Anfang eine ehrliche Ansage als nach drei Monaten eine Kündigung.
Der erste Schritt ist immer, die eigene Kernbotschaft zu finden – die Antwort auf die Frage „Warum wir?“, und zwar so konkret, dass sie nur zum eigenen Betrieb passt. Erst wenn diese Klarheit da ist, lässt sich daraus ableiten, wen man ansprechen will und mit welchen Maßnahmen man das sichtbar macht. Viele Betriebe drehen an der Reichweite, bevor sie an der Schärfe gearbeitet haben – dabei ist es genau andersrum. Die meisten Betriebe suchen Azubis. Die erfolgreichen werden von Azubis gefunden. Und dafür muss man nicht lauter werden, sondern klarer. Nicht die besten Betriebe gewinnen die Azubis, sondern die klarsten.
Interview mit Daniela Gieseler, Trainer & Businesscoach, Ausbildungsexpertin und Unternehmensleitung AzubiScout.com
Vortrag DALK 2026
10. November 2026, 13:45–15:00 Uhr
Vom Bauchgefühl zur klaren Arbeitgebermarke
So überzeugst Du die richtigen Bewerber