Teilzeitausbildung: Warum heißt es in vielen Unternehmen noch immer „geht nicht“?

Takeaways & Key Learnings

  • Teilzeitausbildung ist in vielen Unternehmen noch zu wenig bekannt und wird deshalb oft gar nicht als Option in Betracht gezogen.
  • Vorurteile wie „keine richtige Ausbildung“ oder „zu wenig Präsenz“ halten sich hartnäckig, obwohl Abschluss und Leistungsanforderungen unverändert bleiben.
  • HR-Bereiche orientieren sich häufig an etablierten Prozessen statt an neuen Lösungen für den Fachkräftemangel.

Interview mit Vera Koltermann

Teilzeitausbildung, warum wird sie in vielen Unternehmen noch immer als „geht nicht“ gesehen?

Meines Erachtens kommt es oft gar nicht erst bis zu diesem Gedanken. Es mangelt meist schon an der Bekanntheit des Instruments an sich, also daran, dass es das überhaupt gibt, geschweige denn, was es ist. Da herrscht noch viel Unwissenheit und Unerfahrenheit, gepaart mit dem Unwillen, tiefer einzusteigen. Diese Kombination führt dann dazu, dass sich HR-Bereiche gar nicht damit auseinandersetzen und entsprechend das Potenzial nicht erkennen, das sich bietet. Der Fokus liegt eher auf dem Standard und der Haltung „das haben wir schon immer so gemacht“. Und dann hört es meist schon auf. Dazu kommen falsche Vorurteile wie „das ist keine richtige Ausbildung“ oder „da sind die Azubis zu wenig da“. Dabei ändert sich bei Ausbildung in Teilzeit weder der Leistungsumfang noch der Abschluss. Es ändert sich nur der Modus.

Was müsste sich in den Köpfen von Unternehmen verändern, damit aus „geht nicht“ plötzlich „Wie könnte es gehen?“ wird?

Zunächst muss die Bereitschaft da sein, neue Wege zu gehen, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Zu oft wird laut gerufen, es gäbe nicht genug Bewerbende oder die Qualität sei nicht ausreichend. Das beschreibt ein Symptom, aber noch keine Lösung. Die Unternehmen können diese Lösung selbst schaffen, indem sie ein Angebot kreieren, das eine andere Art von Zielgruppe anspricht. Also statt Wettbewerb um „mehr derselben“ den Adressatenkreis erweitern und sich so von anderen Arbeitgebern differenzieren. Natürlich erfordert das Veränderung, z. B. Anpassung von Schichtmodellen, Absprache mit Berufsschulen und vielleicht auch Abstimmungen mit anderen Arbeitgebern der Region, die die gleichen Ausbildungen anbieten. Aber man darf keine anderen Ergebnisse erwarten, wenn man selbst nichts ändert. Daher müssen auch die Unternehmen ein Stück weit aus ihrer Komfortzone – und werden am Ende vielleicht noch belohnt. Nicht nur mit fertigen Azubis, sondern mit Menschen, die dankbar und loyal sind und entsprechend gut über ihren Arbeitgeber sprechen.

Für wen kann Teilzeitausbildung eine echte Chance sein und warum lohnt es sich für Unternehmen, genauer hinzuschauen?

Mit Ausbildung in Teilzeit können Menschen angesprochen werden, denen im Standard der Zugang zum Arbeitsmarkt verwehrt ist, z. B. Frauen mit Kindern, Menschen mit Migrationshintergrund oder pflegenden Angehörigen. Menschen, die wollen, aber nicht können, weil die Strukturen es nicht ermöglichen. Das wird v. a. bereits erfolgreich in der Pflege praktiziert. Da ist einerseits die Not am größten, andererseits ist das Volumen an Azubis groß genug, um eine ganze Klasse an Azubis in Teilzeit zu füllen. Das erleichtert auch die Absprachen mit den Berufsschulen, weil die ja ihre Lehr- und Stundenpläne anpassen müssen. Ich sehe auch in digitalaffinen Berufen eine große Chance, da Ausbildung inzwischen auch z. T. remote möglich ist. Das bietet zunehmend die Möglichkeit, dass mehr Frauen in MINT-Ausbildungsberufe gebracht werden können. Etwas, das sich viele Arbeitgeber schon länger wünschen. Insgesamt lohnt es sich, mehr darüber nachzudenken, wie ein Win-win entstehen kann, und dafür muss man nicht nur die eigene Perspektive einnehmen, sondern auch die der Zielgruppe, die man für sich gewinnen will.

Welche Herausforderungen werden unterschätzt, wenn Unternehmen Teilzeitausbildung erstmals anbieten möchten?

Zum einen die Absprache mit den Berufsschulen, die ggf. nicht so anpassungsfähig sind, wenn es um die Umstellung von Lehrplänen geht. Dann die Reaktanz intern. Ich weiß von Krankenhäusern, die auf „Ausbildung in TZ“ in der Pflege erweitert haben, und dann kamen zunächst Widerstände und Ablehnung, dass das Azubis zweiter Klasse seien. Hier braucht es frühzeitig gute Kommunikation, um Barrieren im Kopf abzubauen. Drittens brauchen die Azubis mehr individuelle Betreuung als im Standardverfahren. Es gibt ja einen Grund, warum die Menschen bisher keine Ausbildung in Vollzeit machen können. Oft haben sie auch eine Geschichte an Misserfolgen hinter sich oder ein schwaches Selbstwertgefühl. Es ist wichtig, dies zu fördern, zu unterstützen und engmaschig zu begleiten. Nicht nur durch rationale Benefits, sondern auch durch emotionale Unterstützung mit viel Vertrauen. Das ist gut investierte Zeit, die diejenigen, die dann hoffentlich später ihren Abschluss machen, durch Engagement, Commitment und Produktivität zurückzahlen.

Was braucht es, damit Teilzeitausbildung nicht nur eine gute Idee bleibt, sondern tatsächlich im Ausbildungsalltag funktioniert?

Das sind im Wesentlichen die Aspekte aus Punkt 4. Ergänzend kann man sagen: Ein enger Zusammenschluss auch mit den lokalen Arbeitsagenturen und IHKs hilft.  Die Unternehmen sind nicht auf sich gestellt, alle Beteiligten sind am Ende daran interessiert, dass der Ansatz zum Erfolg wird. Und dann hilft es natürlich auch, darüber zu sprechen. Nicht bei den ersten Schwierigkeiten alles infrage zu stellen. In Dialog gehen: „Was brauchst du?“, „Was ist deine größte Herausforderung?“, „Was können wir tun und zusammen eine Lösung finden?“ Wer Ausbildung in Teilzeit anbietet, sollte sich über Chancen und Herausforderungen gleichermaßen bewusst sein. Die Wirkung dessen zeigt sich langfristig – der lange Atem muss also eingepreist sein. Aber die hieraus entspringenden Azubis sind eben die Berufserfahrenen von morgen.

Autor des Artikels: Vera Koltermann ist seit über 25 Jahren als strategische Markenberaterin tätig, seit 10 Jahren mit dem Schwerpunkt Employer Branding. Als Inhaberin von „Lucky you“ analysiert sie Arbeitskulturen und unterstützt Unternehmen dabei, sich als Arbeitgeber glaubwürdig und attraktiv zu positionieren. 

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