Die Candidate Journey entscheidet – nicht die Stellenanzeige.

Takeaways & Key Learnings

  • Reichweite ohne Relevanz bringt nichts: Junge Menschen springen ab, wenn sie nicht verstehen, warum genau dieses Unternehmen zu ihnen passt.
  • Candidate Journey statt Bewerbungsstrecke: Entscheidend ist das Erlebnis über alle Kontaktpunkte – nicht das Formular.
  • Gen Z & Alpha erwarten Orientierung, Echtheit und Tempo: Transparenz, persönliche Ansprache und schnelle Rückmeldungen sind heute Pflicht.

Interview mit Nadine Strein

Viele Unternehmen investieren stark in Reichweite – warum scheitert es trotzdem so oft auf dem Weg zur Bewerbung oder sogar bis zur Unterschrift?

Ich glaube, wir schauen im Azubi Recruiting oft auf die falsche Kennzahl. Viele Unternehmen fragen zuerst: „Wie erreichen wir mehr junge Menschen?“ Dabei liegt das Problem häufig gar nicht an der Reichweite. Was bringt es, wenn 10.000 Menschen bspw. eine Stellenanzeige sehen, aber nach dem Klick nicht verstehen, warum sie sich bewerben sollten? Oder wenn der Bewerbungsprozess kompliziert, unpersönlich oder langsam ist? Recruiting funktioniert heute nicht mehr wie eine Stellenanzeige in der Zeitung: Anzeige schalten, Bewerbung bekommen, Vertrag unterschreiben. Junge Menschen vergleichen, suchen Informationen, schauen sich Unternehmen an, suchen Antworten auf ihre Fragen und entscheiden an vielen kleinen Kontaktpunkten. Wenn diese Kontaktpunkte nicht zusammenpassen, verlieren Unternehmen Kandidaten oft bevor überhaupt eine Bewerbung entsteht.

Was unterscheidet eine klassische Bewerbungsstrecke von einer durchdachten Candidate Journey?

Eine klassische Bewerbungsstrecke denkt aus Sicht des Unternehmens: „Wir haben eine Stelle, wir veröffentlichen sie und Bewerber können sich bei uns melden.“ Eine Candidate Journey denkt aus Sicht der Zielgruppe: „Was erlebt ein junger Mensch auf dem Weg von der ersten Wahrnehmung bis zur Entscheidung für unser Unternehmen?“ Dabei geht es nicht nur um die Bewerbung selbst. Es geht um alle Berührungspunkte: Wie finde ich das Unternehmen? Was erfahre ich über den Beruf, meine Perspektiven? Wie einfach ist der nächste Schritt? Wie schnell bekomme ich eine Rückmeldung? Wie fühle ich mich im Gespräch? Eine gute Candidate Journey entsteht aus meiner Sicht nicht durch einzelne Maßnahmen wie Instagram, Messe oder eine neue Karriereseite. Sie entsteht durch ein klares Zusammenspiel aller Kontaktpunkte.

Mit Blick auf Gen Z und Gen Alpha: Welche Erwartungen an den Bewerbungsprozess überraschen Unternehmen derzeit am meisten?

Viele Unternehmen unterschätzen, dass junge Menschen heute nicht einfach froh sind, wenn sie einen Ausbildungsplatz bekommen. Sie prüfen genauso wie Unternehmen: Passt dieser Arbeitgeber zu mir? Kann ich mir meine Zukunft so vorstellen? Was viele überrascht: Es geht nicht nur um Benefits oder moderne Kommunikation. Es geht vor allem um Orientierung, Transparenz und Wertschätzung. Ein junger Mensch möchte wissen: Was erwartet mich wirklich? Wie sieht mein Alltag aus? Wer begleitet mich? Darf ich Fragen stellen? Bin ich hier nur eine Nummer oder wird Interesse an mir als Mensch gezeigt? Und ein Punkt wird häufig unterschätzt: Geschwindigkeit und Feedback. Wenn ein Unternehmen zwei Wochen braucht, um auf eine Bewerbung zu reagieren, ist der Kandidat vielleicht schon längst weitergezogen.

Wo entstehen deiner Erfahrung nach die größten Absprünge im Recruiting-Funnel für Auszubildende – und warum werden sie häufig übersehen?

Die größten Absprünge entstehen oft zwischen Aufmerksamkeit und Vertrauen, also bevor Unternehmen überhaupt eine Bewerbung bekommen. Viele Unternehmen schaffen es mittlerweile, sichtbar zu werden. Sie machen Social Media, gehen auf Ausbildungsmessen oder schalten Anzeigen. Aber dann fehlt der nächste Schritt: Warum sollte ich mich genau dort bewerben? Eine Stellenanzeige beschreibt häufig Anforderungen, aber wenig das echte Erlebnis Ausbildung. Karriereseiten sprechen oft über das Unternehmen, aber nicht über die Fragen, die junge Menschen wirklich haben. Und genau deshalb werden diese Absprünge übersehen: Weil Unternehmen häufig ihre eigenen Prozesse kennen, aber nicht die Reise der Bewerber. Sie sehen die Bewerbung, aber nicht die vielen kleinen Entscheidungen davor.

Wenn ein Unternehmen seine Candidate Journey sofort verbessern möchte: Wo sollte es aus deiner Sicht als Erstes ansetzen?

Ich würde nicht mit der nächsten Recruiting-Maßnahme starten. Der erste Schritt ist Klarheit: Verstehen, wen ich eigentlich erreichen möchte und welche Fragen diese Zielgruppe auf dem Weg zur Bewerbung hat und herausarbeiten, warum das Unternehmen für diese Zielgruppe der beste Ausbildungspartner ist. Oft liegen die größten Hebel nicht in großen Kampagnen, sondern in kleinen Veränderungen: bessere Ansprache und Positionierung, schnellere Kommunikation, echte Einblicke in die Ausbildung und ein Prozess, der zeigt: „Du bist uns wichtig.“ Denn am Ende gewinnt nicht das Unternehmen mit der größten Reichweite. Sondern das Unternehmen, das Vertrauen aufbaut und den Bewerber auf dem Weg zur Entscheidung begleitet.

Interview mit Nadine Strein, CEO, GC Management und Strategieberatung GmbH.

Vortrag DALK 2026
11. November 2026, 11:00–12:15 Uhr
Vom Erstkontakt zur Unterschrift
So baust du eine Candidate Journey, die Azubis wirklich durch den Prozess bringt

Nadine Strein, Speakerin beim DALK 2026