Wenn wir mit Auszubildenden sprechen, geht es um Konflikte mit Vorgesetzten, um fehlendes Feedback oder um eine Ausbildung, die sich anders anfühlt als erwartet. Betriebe beschreiben dieselbe Situation in Gesprächen oft ganz anders: Hier werden uns dann oft fehlende Motivation oder zu viele Fehltage seitens der Auszubildenden genannt. Beide Seiten haben ihre Sicht, aber sie haben selten miteinander darüber gesprochen. Ein Abbruch kündigt sich über Wochen an, meistens schon im ersten Jahr. Wenn Auszubildende in dieser Phase niemanden haben, bei dem sie ihre eigenen Zweifel loswerden können, wird die Entscheidung zum Ausbildungsabbruch irgendwann alleine getroffen – für das Gegenüber kommt das dann oft unerwartet. Begleitung heißt für uns, dass jemand im Ausbildungsbetrieb rechtzeitig merkt, dass etwas zu kippen droht, und das Gespräch suchen kann.
Ein Buddy hilft beim Ankommen: Wie funktioniert das Berichtsheft, wen frage ich was, wo sitzt wer? Oft ist das ein Azubi aus dem zweiten oder dritten Jahr, der Kontakt ist informell und läuft nach ein paar Monaten aus. Für den Start ist das Gold wert.
Strukturiertes Mentoring geht tiefer und dauert länger, idealerweise mindestens sechs Monate, wenn nicht sogar gleich ein ganzes Jahr. Hier geht es um die Person selbst: Was läuft gut, wo hakt es, wohin will ich? Den Unterschied zwischen einem Buddy-Programm und Mentoring liegt im Rahmen. Mentor*innen werden bewusst ausgewählt, geschult und passend zugeordnet. Es gibt feste Treffen, klare Rollen, Vertraulichkeit und eine Ansprechperson im Hintergrund, wenn es schwierig wird. Außerdem sollte die Mentorin oder der Mentor keine Beurteilungsfunktion haben. Wer mich bewertet, dem erzähle ich selten von meinen Zweifeln. Beides lässt sich aber sehr gut kombinieren: der Buddy für die ersten Wochen, das Mentoring für die ganze Ausbildung.
In unserer Arbeit mit Unternehmen sehen wir aber außerdem, dass eine Mentoren-Haltung auch bei den Ausbilder*innen selbst anfangen muss. Sie sind im Alltag die wichtigsten Bezugspersonen. Wenn sie gute Gespräche führen können und auch beim Menschen hinter dem Azubi genau hinschauen, verändert sich die Ausbildung spürbar.
Ja, aber die Betonung liegt auf „gut“. Die Forschung zu Mentoring ist sich da ziemlich einig: Die Wirkung hängt an Verlässlichkeit, Dauer und Qualität. Stabile Mentoring-Beziehungen stärken junge Menschen nachweislich. Wenn eine Begleitung nach ein paar Treffen versandet, erleben junge Menschen das als weitere Enttäuschung. Deshalb raten wir Unternehmen, lieber klein und verbindlich zu starten, als ein großes Programm aufzusetzen, das im Alltag untergeht. Auch unsere eigenen Daten – immerhin erheben wir die Ausbildungsabbruchquote bei unseren Mentoringprogrammen seit über zehn Jahren – zeigen sehr deutlich, dass selbst Azubis, die eigentlich schon mit einem Ausbildungsabbruch geliebäugelt haben, durch gutes Mentoring im Ausbildungsbetrieb bleiben und ihre Ausbildung mit Erfolg zu Ende bringen.
Sie brauchen jemanden, der sich für sie interessiert und weiß, was sie gut können und was sie antreibt. Termine müssen stattfinden und Zusagen für beide Seiten gelten. Gesehen fühlen sich junge Menschen, wenn jemand ihre Stärken benennt und ihnen früh echte Verantwortung zutraut, statt sie wie eine Hilfskraft zu behandeln. So entsteht Selbstwirksamkeit, und die hilft auch durch schwierige Phasen. Sicherheit bedeutet, Fehler machen zu dürfen, ohne vorgeführt zu werden, und zu wissen, an wen man sich wenden kann. Das gilt auch für Themen, die nicht zwingend nur die Arbeit im Ausbildungsbetrieb betreffen, etwa Wohnung, Geld, Familie oder die Berufsschule. Gibt es hier persönliche Schwierigkeiten, schlägt sich das auch oft auf die Arbeit im Ausbildungsbetrieb nieder.
Die wichtigste Stellschraube sind die Menschen, die täglich mit den Auszubildenden arbeiten. Ausbilder*innen sind fachlich stark, aber oft allein gelassen, wenn es um Motivation, Konflikte oder persönliche Krisen geht. Dafür braucht es das passende Handwerkszeug und einen Raum für Austausch mit anderen. Außerdem hat sich in unserer Arbeit mit Unternehmen bewährt:
Azubis bleiben dort, wo sie sich gesehen fühlen. Für mich ist gutes Mentoring darum Win-Win-Win: Für Auszubildende, die mit spürbar mehr Motivation bei der Sache sind, für Ausbilder*innen, die entlastet werden und wieder mehr Freude an ihrer Rolle haben, und für Unternehmen, die ihre Fachkräfte von morgen an ihren Betrieb binden können.
Autorin des Artikels: Melissa Höllerer gestaltet seit 2019 bei der ROCK YOUR LIFE! Academy wirkungsvolle Mentoring- und Trainingsprogramme für Young Professionals, Auszubildende und Ausbilder*innen. Als zertifizierte Trainerin und New-Work-Facilitatorin verbindet sie Praxiserfahrung mit fundierter Methodik und verankert ihre Programme nachhaltig in Unternehmen, Organisationen und öffentlichen Institutionen.
Vortrag DALK 2026 | ROCK YOUR LIFE! Academy
11. November 2026, 13:00–13:45 Uhr
Mehr Bindung, weniger Abbrüche
Was strukturiertes Mentoring in der Ausbildung wirklich verändert